Интересно, что от людей, сведующих в делах музбиза, я слыхал, что некая империя смерти ведёт неустанную борьбу против моей скромной и несерьёзной персоны уже 40 лет. А я этого и не заметил. Вот ведь чудеса!

А вот империи, с её комедийными кюнстлерами, я ставил диагноз в обширном интервью Шпигелю уже 30 лет назад. Ведь ни в одном аспекте не ошибся. Только всё нынче гораздо страшнее и хуже, но в Шпигеле надо было выражаться “аккуратно”.

Titelbild
23.11.1987

SPIEGEL Gespräch„Unser Kulturleben ist verheerend zerrüttet“

Der russische Pianist Andrej Gawrilow über Verfall und Chancen im sowjetischen Musikbetrieb *
SPIEGEL: Herr Gawrilow, kaum ein russischer Pianist war wohl so häufig in den Schlagzeilen wie Sie: 1974 Sieger beim Tschaikowski-Wettbewerb und Start in die West-Karriere; 1979 Absage an Karajan und fünfjährige Verbannung aus der Öffentlichkeit; 1984 Comeback in London und Spekulationen über einen Verbleib in England; schließlich Ungewißheit über einen festen Wohnsitz. Wo sind Sie zu Ihrer jetzigen Deutschland-Tournee aufgebrochen?
GAWRILOW: Ich freue mich, sagen zu können, daß wir- meine Frau Natascha und ich – von Rußland kommen, wo wir jetzt leben und uns glücklich fühlen.
SPIEGEL: Und Sie haben mit so prominenten Dissidenten wie Mstislaw Rostropowitsch, Vladimir Ashkenazy und Gidon Kremer, die ständig im Westen leben, nichts gemeinsam?
GAWRILOW: Ich glaube nicht, daß Dissident eine korrekte Bezeichnung ist, sondern ein westliches Klischee für die Abweichler. Rostropowitsch, Kremer und viele andere Kollegen konnten einfach die Situation nicht mehr ertragen, vor der die Künstler in den 60er und 70er Jahren standen.
SPIEGEL: Wie würden Sie diese Situation beschreiben?
GAWRILOW: Es war einfach der ständige Konflikt zwischen Künstlern die eine große Karriere machen und alles für die Kunst Erforderliche tun wollen, und – andererseits – der schrecklichen, gesichtslosen Bürokratie mit ihrem verheerenden Einfluß. In jener Zeit war beispielsweise Goskonzert …
SPIEGEL: … die staatliche Moskauer Künstleragentur …
GAWRILOW: … allmächtig. Goskonzert machte und zerstörte Karrieren. Sehen Sie, als Natascha und ich 1984 nach London kamen, zum ersten West-Besuch nach fünf Jahren erzwungener Abwesenheit, war meine Karriere völlig kaputt und alles, was ich vorher getan und gezeigt hatte, für die Katz. Ich mußte wie ein Neuling von vorne anfangen, und dafür brauchte ich einfach eine bestimmte Zeit, um im Westen zu leben, dort Tourneen zu machen und den Start in eine neue Laufbahn zu versuchen.
SPIEGEL: Welche Hauptziele haben Sie von London aus verfolgt, wo Sie ursprünglich ja nur kurz bleiben sollten?
GAWRILOW: Solange ich in Rußland war, konnte ich nicht mit den großen amerikanischen Orchestern auftreten, den besten der Welt. Die meisten der bedeutenden Dirigenten arbeiten in den USA. Es ist eine Katastrophe, ohne sie eine Karriere aufbauen zu müssen. Aber mit Kriegsausbruch in Afghanistan wurde der Kulturaustausch zwischen den USA und der UdSSR eingefroren.
SPIEGEL: Wie reagierten denn die Funktionäre in Moskau, als Sie von London aus um Erlaubnis für einen längeren Aufenthalt in Großbritannien baten?
GAWRILOW: Das war nicht einmal für sie etwas Neues. In den letzten Jahrzehnten hatten Kremer, Rostropowitsch _(Mit Redakteur Klaus Umbach in einem ) _(Kölner Hotel. )
und Dutzende anderer gleiche Anträge gestellt, und immer waren diese Anträge das Vorspiel zur endgültigen Absetzung in den Westen gewesen.
SPIEGEL: Aber Rostropowitsch und Kremer setzten sich ab als in der Sowjet-Union noch ein völlig anderes politisches Klima herrschte.
GAWRILOW: Genau das ist es. Wir hatten mehr Glück. Denn als wir um eine Aufenthaltsgenehmigung baten, zeichneten sich in Rußland bereits gewisse Veränderungen ab, die heute niemand mehr übersehen kann: Gorbatschow kam an die Macht. Dieser Wandel hat uns ermöglicht, über unsere Situation und Probleme überhaupt zu verhandeln.
SPIEGEL: Wann haben Sie sich endgültig zur Rückkehr in die Sowjet-Union entschieden?
GAWRILOW: Sobald wir von der Regierung eine positive Antwort erhalten hatten. Nach den zwei Jahren in London hatte ich meine internationale Karriere wieder im Griff und in allen wichtigen Ländern gute Agenten und Manager. Alles das gab uns die Möglichkeit zur Rückkehr unter den Bedingungen unseres Londoner Aufenthalts. Wenn man wirkliche Freiheit hat, ist es ziemlich egal, wo man lebt – in London, Moskau, Hongkong, irgendwo.
SPIEGEL: Aber ist dieser fast paradiesisch anmutende Zustand nicht doch vielleicht eine Folge besonderer persönlicher Beziehungen? Ihre Frau Natascha ist immerhin die Tochter des früheren Vorsitzenden der Staatsbank und eines bis heute einflußreichen Mitgliedes des Zentralkomitees?
GAWRILOW: Natürlich haben uns diese Verbindungen eine Menge geholfen. Sie müssen wissen: Das Schrecklichste in Rußland ist die Mittelschicht innerhalb des bürokratischen Apparates, gegen die Gorbatschow jetzt so unversöhnlich kämpft. Ich stehe dieser Maschinerie – mit der ich leider jeden einzelnen Schritt aushandeln muß – immer völlig verzweifelt und hilflos gegenüber.
SPIEGEL: Wie wirkt sich denn speziell dieser Mittelbau der sowjetischen Bürokratie aus?
GAWRILOW: Er tötet alles ab, was gut ist. Wir diskutieren gerade in den russischen Zeitungen, daß es in den letzten 20 oder 25 Jahren viele herrliche Ideen gegeben habe, aber daß niemals etwas daraus geworden sei, weil der gewaltige und schreckliche Apparat sich gesperrt habe – ein Phänomen, das niemand verstehen oder erklären kann. Dieser Apparat zerstört alles, was mit Glück, Leben und Freude zusammenhängt. Unglaublich.
SPIEGEL: Wir warten noch auf Ihre Antwort, welche Rolle die prominente Herkunft Ihrer Frau gespielt hat.
GAWRILOW: Ja, zurück zu Ihrer Frage. Die Stellung meines Schwiegervaters, eines hohen Funktionärs, ersparte uns schlicht und einfach alle Verhandlungen mit dem mittleren Apparat, diesem bürokratischen Gelee. Das war eine große Hilfe. Aber Nataschas Vater ist bereits vor eineinhalb Jahren in den Ruhestand getreten. Ich hoffe nicht unseretwegen. Übrigens würde Perestroika mit Leuten wie ihm leichter und schneller über die Bühne gehen.
SPIEGEL: Sind Sie selbst Mitglied der Partei?
GAWRILOW: Nein. Über einen sehr langen Zeitraum hinweg haben viele und bei weitem nicht die besten Leute, vor allem unter Jugendlichen, alles darangesetzt, Parteimitglied zu werden. Das konnte ich sogar in meiner Klasse in der Musikschule beobachten. Eine Menge schlechter Musiker, die mit sich selbst nicht zufrieden waren, trat in die Partei ein, die ihr gewisse Vergünstigungen der sozialen Lage gewährte. Darüber hinaus glaube ich, daß ein Musiker kein Politiker ist und alle seine Kräfte für seine künstlerischen Aktivitäten verwenden sollte.
SPIEGEL: Kommen wir noch einmal auf Ihre Verhandlungen mit den Moskauer Behörden zurück: Dürfen Sie beispielsweise die Gagen aus Ihrer derzeitigen Deutschland-Tournee in die eigene Tasche stecken oder geht das meiste davon an Goskonzert, was ja die Regel war?
GAWRILOW: In dieser Beziehung hat sich heute schon einiges positiv geändert. Als ich anfing, mit diversen Behörden und Instanzen zu verhandeln, fürchteten die immer, ich würde nach russischen Maßstäben viel zu viel verdienen. Etliche der Funktionäre stellten sich wirklich vor, es würde im Westen jeden Tag Deutsche Mark und US-Dollar regnen und ich könnte Millionen auf Millionen häufen, wenn ich mich ihrer Kontrolle entzöge. Mein Beispiel hat ihnen gezeigt, daß es nicht jeden Tag Gold regnet, daß ich arbeiten, arbeiten, arbeiten muß, in jedem Land Steuern bezahle und alle Kosten für Visa, Flugtickets, Hotels, Ernährung und alle anderen normalen Dinge des Lebens selbst trage.
SPIEGEL: Und – waren sie von dieser Kalkulation beeindruckt?
GAWRILOW: Ja. Nachdem ihnen klargeworden war, daß mein Einkommen nicht so gewaltig ist, daß ich an sie ungefähr dasselbe abführe was sie früher von Goskonzert für mich bekamen, und daß sie schließlich für mich keinen Rubel mehr aufwenden mußten, da stimmten sie zu.
SPIEGEL: Noch mal zurück zu Ihrem Status als freischaffender Künstler: Dürften Sie zum Beispiel eine Aufnahme unter der Leitung des Cello spielenden Dirigenten Rostropowitsch machen, der in der UdSSR unter die prominentesten und absolut unerwünschten Dissidenten fällt?
GAWRILOW: Ich glaube, ich könnte, und ich weiß, daß ich wollte. Jeden Tag
gibt es derzeit in Rußland neue Entwicklungen. Auch die Leute, die Sie Dissidenten nennen, behandelt man schon anders. Denken Sie nur mal an den berühmten Regisseur Andrej Tarkowski, der in Paris starb. Heute überhäuft man ihn mit Ehren. Rostropowitsch hat immer Sacharow unterstützt – viele Jahre ein Staatsverbrechen. Heute sitzt Sacharow sozusagen im Kreml. Warum sollte ich da nicht mit Rostropowitsch oder Kremer gemeinsam auftreten?
SPIEGEL: Herr Gawrilow, sind Sie heute, in den Zeiten von Glasnost, bereit zu enthüllen, was 1979 eigentlich wirklich geschehen ist, als Ihr Konzert mit dem Berliner Philharmonischen Orchester und Karajan unter viel Getöse abgesagt wurde und Sie für fünf Jahre völlig von der westlichen Bildfläche verschwanden?
GAWRILOW: 1979 heiratete ich die Tochter des Geigers Valerij Klimow und der nicht allzu guten, aber wunderbar aussehenden Sangerin Raissa Bobrinewa. Diese Heirat war unglücklicherweise ein unglaublicher Fehler, aber ich war damals einfach noch zu jung und konnte mir auch noch nicht alle die schmutzigen Tricks ausmalen, mit denen man mir zusetzen wollte und die bereits alle vorbereitet waren.
SPIEGEL: Wieso? Schmutzige Tricks der Familie des berühmten Geigenlehrers Klimow?
GAWRILOW: Und ob! Diese Familie war scheinbar ganz normal für russische Verhältnisse während der Breschnew-Ära. Das heißt: Sie gab, wenn möglich, auch Konzerte im Westen, und sie betrieb den An- und Verkauf von Sachen, was damals nötig war, um leben zu können. Aber diese Familie war auch spezialisiert auf höchst gefährliche Aktionen. Sie handelte mit wertvollen Ikonen und Diamanten und so weiter, wovon ich keine Ahnung hatte, als ich heiratete. Andererseits hatte ich mich immer geweigert, mit ihnen gemeinsame Konzerte zu veranstalten. Sie wollten eh nur von meinem Namen und meinen Aktivitäten profitieren.
SPIEGEL: Und was haben Klimows Ikonen mit Ihrem Rückzug aus der Öffentlichkeit zu tun?
GAWRILOW: Warten Sie ab! Die Klimows waren 1979 in eine große Affäre mit dem sowjetischen Zoll verwickelt, als sie versuchten, mit Ikonen aus dem 13. Jahrhundert und amerikanischen Dollars illegale Geschäfte zu machen. Da wurde mir klar, daß irgend etwas nicht stimmte. Normalerweise werden Leute für derartige Taten nämlich sehr schwer bestraft – sie nicht. Innerhalb von zwei, drei Tagen war alles geklärt und vergessen, und Herr Klimow blieb auch Parteimitglied. Der Grund: Die Klimows hatten enge Beziehungen zur Familie Breschnew, und irgendwie nutzten sie diese Beziehungen auch gegen mich aus.
SPIEGEL: Also hatte der illegale Ikonen-Händler Klimow unmittelbar Ihre Absage an Karajan beeinflußt?
GAWRILOW: Für die Einladung Karajans nach Berlin hatte ich, wie Sie sich vorstellen können, sehr, sehr viel Arbeit investiert. Das Konzert war für mich und mein Weiterkommen von großer Bedeutung. Aber plötzlich durfte ich nicht ausreisen. Erst informierte Goskonzert Karajan, ich sei krank. Dann eröffneten sie mir, ich dürfe fahren. Von wegen. Unglücklicherweise fiel das ganze Hin und Her in die Zeit meiner Scheidung von Klimows Tochter. Nun setzten die Klimows alle Hebel in Bewegung, um meine Ausreise zu verhindern – für alle Zeiten, wie sie wohl annahmen. Jedenfalls mußten die armen Leute von Goskonzert noch ein zweites Telegramm an Karajan schicken, dem zufolge ich in der Sowjet-Union zu spielen hätte. Beide Telegramme waren Lügen.
SPIEGEL: Und gelogen wurde auf Druck von oben?
GAWRILOW: Jedenfalls konnte mir niemand helfen, weder Spitzenfunktionäre in Moskau noch die Botschafter in Bonn und Berlin. Ich hatte das Gefühl daß sich die Leute im Kulturministerium innerlich gegen die Anweisung sträubten, aber sie waren dazu gezwungen. Wer sie allerdings gezwungen hat, ist bis heute nicht klar.
SPIEGEL: Sie wissen auch jetzt nichts Genaueres?
GAWRILOW: Nein, nichts absolut Genaues. Aber ich vermute stark, daß es eine abgekartete Sache war zwischen den Klimows und den Breschnews. Beide waren in dunkle Geschäfte verwickelt, und ich war eines der Opfer. Übrigens ist von den Klimows bis heute niemand für die damaligen Taten bestraft worden.
SPIEGEL: Herr Gawrilow, nach dem Tode von Emil Gilels und bei dem zeitweise kritischen Gesundheitszustand von Swjatoslaw Richter sind Sie zweifellos der prominenteste und wichtigste pianistische Exportartikel der Sowjet-Union. Sind Ihre weniger namhaften Kollegen denn in den Zeiten von Glasnost auch so frei wie Sie?
GAWRILOW: Die Situation heute in Moskau ist sehr merkwürdig. Zunächst einmal war alles neu, was ich durch meine Verhandlungen erreicht hatte, aber ich hatte es durch meine persönliche Initiative erlangt. Ich weiß, daß man mehreren Künstlern inzwischen angeboten hat, so zu arbeiten wie ich. Es hängt nur von ihnen ab. Als ich mit Kollegen, deren Namen ich hier nicht nennen will, darüber sprach, erfuhr ich, daß sie mit ihrer Situation in Rußland zufrieden
sind. Sie haben ein sicheres Einkommen und eine Menge Vorteile, und sie müssen keine Zeit darauf verwenden, sich selbst um ihren Lebensunterhalt zu kümmern und ihre Tourneen zu organisieren. Alles wird für sie vom Staat getan, sie gehen keinerlei Risiko ein.
SPIEGEL: Also gibt es keine Neider und keine kleinen Eifersüchteleien?
GAWRILOW: Anfangs wollten alle dasselbe wie Gawrilow – so viel Geld, wie sie meinten, und so viel Freiheit. Aber nachdem die Funktionäre ihnen meinen Status erläutert hatten, sagten sie nur überrascht “aha”, nahmen ihre Taschenrechner und ließen alles beim alten.
SPIEGEL: Aber wir folgern richtig, daß die Künstler heute viel mehr Freiheit und Möglichkeiten haben als noch vor fünf Jahren?
GAWRILOW: Das haben sie in jedem Falle. Heute gibt ihnen der Staat Carte blanche. Aber die Leute müssen auch initiativ werden, müssen die Dinge selbst anpacken, wie es Gorbatschow ja in den großen Fabriken für die ganze Gesellschaft im ganzen Land fordert. Und genau das sind sie nicht gewohnt.
SPIEGEL: Nach Ihrer Erfahrung könnten sie also, sind aber nicht willens und fähig?
GAWRILOW: Genau das, und daran ist wiederum die sowjetische Bürokratie schuld. Denken Sie nur mal an alle diese Orden und Ehrenzeichen, diese vielen Volkskünstler und Verdienten Künstler des Volkes. Anfangs wurden wirklich nur die allerallerbesten ausgezeichnet. Aber in den letzten 10, 15 Jahren wurde die Sache absurd. Diese sogenannten Ehrungen sind keinen Pfifferling mehr wert und haben überhaupt keine innere Beziehung mehr zur Kunst. Es ist geradezu lächerlich, daß der Staat auf diese Weise absolut untaugliche Leute unterstützt.
SPIEGEL: Welche Ehrungen wurden Ihnen denn bislang zuteil?
GAWRILOW: Keine.
SPIEGEL: Was ist nach Ihrer Einschätzung für ein glaubwürdiges Kulturleben gefährlicher- Macht und Kontrolle des Staates oder Macht und Einfluß eines Super-Stars vom Kaliber Karajan?
GAWRILOW: Beides ist gefährlich, denn beides hat was von Diktatur und ist damit schrecklich. Dennoch: Die Macht des Staates ist insofern unheilvoller, weil man Karajans Einfluß entgehen kann. Vergiß Karajan, wenn du Schwierigkeiten mit ihm hast (ich habe sie nicht), und suche nach einem besseren Platz. Doch der Staat ist überall. Am Ende ist das Ganze allerdings keine Frage von größerer oder geringerer Gefährlichkeit: Kunst kann überhaupt keine Form von Diktatur vertragen.
SPIEGEL: Was sind denn nun für Sie die wichtigsten Ziele im Musikleben der Sowjet-Union? Wohin soll es sich entwickeln?
GAWRILOW: Eine schwierige Frage. Ich stelle sie mir häufig selbst, manchmal Tag für Tag. Im Augenblick ändert sich sozusagen alles in der Sowjet-Union, und keiner weiß eigentlich, in welche Richtung. Ich bin überhaupt nicht zufrieden mit dem Niveau des derzeitigen Kulturlebens in Rußland. Es ist verheerend zerrüttet worden in den letzten zwei, drei Jahrzehnten. Wir haben eine Menge erstklassiger Leute verloren, die entweder starben oder sich absetzten.
SPIEGEL: Spürt man diesen Verlust in den Konservatorien und Konzertsälen?
GAWRILOW: Ja, vor allem aber in der Musikerziehung. Die neue Generation der Lehrer beispielsweise sorgt nicht mehr für eine Weitergabe der großen Tradition, sondern nur noch für sich selbst. Vor 20 Jahren gab es in den Konservatorien noch eine geradezu heilige Situation, ein wahres Wunder, wie da zwischen Musik-Fans und -Experten diskutiert wurde. Das war Leben, eine Menge Leben.
SPIEGEL: Wir dachten, gerade in der Morgenröte von Glasnost und Perestroika wäre auch in den Konservatorien mehr Leben und Auseinandersetzung.
GAWRILOW: Sie denken da nicht falsch: So könnte und sollte es sein, aber es ist auf alle Fälle noch nicht soweit. Heute treffen Sie, als Konsequenz der Jahrzehnte voll Bürokratie, mehr Parteimitglieder, die unterrichten, als wirkliche Musiker, und diese Parteimitglieder unterrichten auch noch schlecht.
SPIEGEL: Sind diese Lehrer politische Karrieristen?
GAWRILOW: Diese sogenannten Lehrer denken – wenn sie überhaupt denken – nur an ihre Karriere, aber nicht an die Bildung und Ausbildung junger Künstler. Und diese Situation findet man nicht nur in den Konservatorien, sondern überall in der Kunst. Diese Entwicklung hat die Kultur in nahezu all ihren Formen zerstört.
SPIEGEL: Spürt der größere Teil der sowjetischen Bevölkerung den Verlust ebenso?
GAWRILOW: Die russische Gesellschaft hat bis heute noch nicht wahrgenommen, wie tiefgehend die Schäden sind, wie schwer es sein und wieviel Jahre es dauern wird, die großartige und kraftvolle Tradition wiederzuerlangen, die wir einmal hatten.
SPIEGEL: Ist Michail Gorbatschows Politik eine Chance für das ruinierte Kulturleben?
GAWRILOW: Ich hoffe es, aber in diesem Augenblick bin ich da nicht allzu optimistisch. Vielleicht ist es schon zu spät, sind die Verletzungen schon zu tief – viel tiefer, als die meisten Russen und der Rest der Welt glauben und wahrhaben wollen. Dennoch: Glasnost ist unsere einzige Hoffnung und unsere letzte Chance.
SPIEGEL: Herr Gawrilow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Andrej Gawrilow *
rückte 1974 mit einem Schlag unter die “Tastengiganten seiner Generation” (“Hamburger Abendblatt”): Nur wenige Wochen nach seinem phänomenalen Sieg beim Tschaikowski-Wettbewerb in Moskau verblüffte er, als Ersatzspieler für seinen Landsmann Swjatoslaw Richter, das Publikum der Salzburger Festspiele, das den unbekannten Teenager beim ersten Auftritt ausbuhte und nach dem Schlußstück mit Ovationen im Stehen umjubelte. Mit dem “Image des Klaviertigers” (Wiener “Presse”) und einem “Nonplusultra pianistischer Hexenkünste” (“Die Welt”) kam Gawrilow, heute 32, Sohn eines Malers und einer Klavierpädagogin, auf internationalen Podien und preisgekrönten Schallplatten (überwiegend bei EMI) in den Ruf eines “jungen Horowitz” (“Abendzeitung”). Doch 1979 wurde die steile Karriere jäh unterbrochen, ein Konzert mit Karajan unter fadenscheinigen Gründen abgesagt, der Virtuose für fünf Jahre aus der westlichen Konzertszene verbannt. 1984 tauchte Gawrilow überraschend in London auf, was Spekulationen über seine Absetzung in den Westen entfachte. Doch mittlerweile wohnt der Musiker mit seiner (vierten) Frau Natascha wieder in Moskau. Gawrilow, der auch Archäologie, Geschichte, Literatur und Medizin studiert hat, gilt in West und Ost als ebenso scharfer Beobachter wie furchtloser Kritiker.
Mit Redakteur Klaus Umbach in einem Kölner Hotel.
Von Klaus Umbach
Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s